Erster Preis beim Schreibwettbewerb

Wir gratulieren Nawwal Azzahrah Muhammad, Klasse 9A, die mit ihrer Erzählung „Wenn der Engel die Schneekugel durchbricht“ den ersten Platz beim Schreibwettbewerb zum Thema „Grenzen“ belegen konnte. Der Wettbewerb wurde von der Volkshochschule Regensburg zusammen mit der Stadtbücherei und dem Europaeum der Universität Regensburg veranstaltet. (Dr. C. Blank)

Wenn der Engel die Schneekugel durchbricht...

Soll Ich?
Soll Ich nicht?
Kann Ich?
Kann Ich nicht?
Das Fragen und Sagen zu Wagen,
Wagen Sie es?
Neues zu sehen und zu verstehen und hier weggehen?
Auch grausig der Gedanke, Wissen wie eine gefährliche Pranke.
Aus der Schneekugel hinaus! Raus! Neues und Fremdes zu entdecken.
Wagen Sie es? Nein? Na fein...
Ein törichtes Verhalten die Grenzen zu überqueren, oder?
Da haben Sie recht. Möglicherweise...
Hören Sie mir zu und bleiben leise;
Ich bin weise, weiß es besser! Hier:

Ich betrachte meine Stelle. Mit großen gelangweilten Augen schaue ich das Häuschen an. Immer dasselbe und immer das gleiche. Es schneit blaue Flocken. Immer dasselbe und immer das gleiche. Die Dachziegel fehlen und es bleiben Leere, Verlassenheit, Nichts. Immer dasselbe und immer das Gleiche. Ich gehe weiter und lasse die blaue Flocken fallen und höre meine Schritte in der Glaswelt hallen. Fliegt fort! Denke ich, als ich noch arglos war. Das ist mein sicherer Ort. Ich werde hier nie weggehen. Und werde nichts anderes sehen... Grenzen aus Glas und ein Leben in der Schneekugel. Grenzen zu überqueren, denn Menschen, die Grenzen überqueren denken nicht an Konsequenzen. Oder doch?
Es gibt nur mich, diese Flocken und sonst nichts anderes. Ich nehme einen der Dachziegel, die hier rumlagen, und messe das Gewicht. Ich laufe am Rand meiner Welt herum, weil ich nur in eine Richtung gehen kann. Gelangweilt, sehe ich den blauen künstlichen Himmel. Ich habe Angst...
Es ist jedes Jahr blauer Winter, so nenne ich ihn, jede Woche sehe ich diese Bruchbude, von der ich glaube, dass sie ein Haus ist, jeden Tag trage ich dieselbe Kleidung. Aber ich lebe in meiner Welt und da bin ich sicher und... Glücklich? Und kenne mich aus, gehe nim‘mer heraus. Ich schaue dann zum Haus, die Mitte meiner Welt, die mir gefällt?
Ich lebe hier lange. Schon ganz lange, Gedanken an außerhalb bereiten mir Bange.
Ich betrachte meinen roten Ziegelstein und denke... Was denke ich? „Ich wünschte du könntest reden. Dann wäre ich nicht allein.“ Und dieses alleinige Sein ist nicht fein.
Das Glas da an der Grenze. Blau, bläulich, blau. Diese Welt ist langweilig, sicher, eingeschränkt, rau und blau. Mein Spiegelbild sehe ich. Was für eine Überraschung! Nein, doch nicht. Näher gehe ich. Ich drücke mein Gesicht auf das Glas und spüre die Kälte, die sie überträgt. Dafür, dass es hier immer Winter ist, ist sie nicht kalt. Nun spüre ich das Gewicht in meiner Hand wie die Angst. Was wohl da draußen ist, da meine Augen geschlossen sind. Und auch da erkenne ich meine heile Welt, die nie zerfällt. Was für eine Langeweile, diese Uneile, wie lange ich schon so verweile? Meine Langeweile mich dazu veranlasst, mal zu handeln. Ich kenne meine Welt und die da draußen? Meine Augen öffne ich und blicke zum roten Dachziegel, wo derweil sich ein paar blaue Flocken stapeln. „Ich wünschte du könntest reden!“, befehle ich wütend dem Stein.
Diese Welt ist zwar fein, aber klein. Meine Langeweile nervt mich gerade und ruft mit der Stimme der Freiheit. Ich höre dennoch nicht zu, weil ich nicht zugebe, dass ich doch diese gläserne Grenze überqueren will. Nicht groß, glasig, grau, grässlich und blau. Soll ich? Soll ich nicht? Kann Ich? Ich kann nicht? Das Weggehen zu wagen. Die Langeweile löschte lieblich die Vernunft, meine Welt, meine Unterkunft, nicht zu verlassen. Das nicht zu tun, da würde ich mich hassen? Menschen überqueren Grenzen und denken nicht an Konsequenzen... Wenn sie das Wissen schwänzen, können sie nicht glänzen. Oh nein, hier ist es nicht mehr fein. Als ich diese Welt noch sah, war sie wunderbar. Aber durch das Glas hier! Sehe ich nichts mehr klar!

Ich schaue nun durch das Glas. Was? Eine andere Welt? Neugier und Angst bringen mich in Rage. Wenn der Engel die Schneekugel durchbricht... was erwartet er... Licht? Erwarte ich? Nein? Nicht? Was nun, was soll ich tun? Meine Langeweile macht mich voll und das ist gar nicht toll. Ich messe das Gewicht des roten Dachziegels.

       Und der rote Dachziegel das Glas zerbricht,
Und eine weiße Flocke fällt da auf meiner Hand.
Und Glitzernde Glasscherben von der Grenze meines öden Land‘s.

       Wenn Sie es wagen, aus der Schneekugel zu gehen

       Wenn ein Engel das Glas durchbricht,

       Was erwarten Sie bestimmt nicht,

       Ist Meine und Ihre Langeweile.

 

Von Nawwal Azzahrah Muhammad